Buchklub Logo BMUKK Logo

Mother-Child Education Programme MOCEP (Türkei)

MOCEP

www.acev.org






Das Mother-Child Education Programme (MOCEP) ist das bekannteste Beispiel für Family-Literacy-Projekte, die sich gezielt an sozial benachteiligte Familien richten. Das Anfang der 1980-er Jahre in der Türkei begonnene Programm wird mittlerweile in verschiedenen Ländern für türkische MigrantInnen durchgeführt (u.a. Deutschland, Schweiz, Belgien, Frankreich). MOCEP wurde in das Arabische übersetzt und z.B. in Bahrain und Saudi Arabien implementiert. Das zentrale Ziel von MOCEP ist, die Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren auf die Schule vorzubereiten, indem Vorläuferfertigkeiten für das Erlernen des Lesens und Schreibens sowie des Rechnens vermittelt und geübt werden. Das Programm setzt an den Müttern an.

Der theoretische Hintergrund des Konzepts orientiert sich daran, dass ein langfristiger positiver Schulerfolg von Kindern – und damit auch ihr soziales Erfolg –eher gewährleistet ist, wenn nicht nur die Fähigkeiten der Kinder gefördert werden, sondern insgesamt die Umgebung der Kinder verbessert wird. Dies bezieht sich vor allem auf die Unterstützung der Erziehungsfähigkeiten und -strategien der Eltern, die wiederum die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und ihre Lernaspirationen beeinflussen (vgl. Kağıtçıbaşı et al. 2001). In Bezug auf Literalität wird von einer holistischen, am Alltag orientierten Perspektive ausgegangen. Lesen und Schreiben werden als soziale und kulturelle Praxis verstanden.

Zielgruppe

MOCEP richtet sich an sozial benachteiligte Familien mit Kindern im Alter zwischen fünf und sechs Jahren, die keinen Zugang zu vorschulischen Angeboten haben und aufgrund der Umgebung ihres Aufwachsens in Bezug auf ihren Lernerfolg als gefährdet eingestuft werden können. Der Schulbildung der Mütter, die an diesem Projekt teilnehmen, geht selten über den Pflichtschulabschluss hinaus.[1]

Trägerinstitution

AÇEV (Anne Çocuk Eğitim Vakfı / Mother Child Education Foundation) ist eine NGO, die 1993 gegründet wurde und Programme für frühkindliche Bildung, Bildungsprojekte für Familien und Basisbildungsangebote für Erwachsene entwickelt und durchführt. Das Father Support Programme richtet sich an Väter. Die Ermächtigung der Lernenden und die Verbesserung der Lebensqualität beschreiben die zentralen Ziele der Organisation. Auch landesweite Sensibilisierungskampagnen für Bildung und Lernen werden von AÇEV getragen. Kooperationspartner sind auf nationaler Ebene das türkische Bildungsministerium, die lokalen Einrichtungen der Social Services and Child Protection Agency, ein Radio- und zwei Fernsehsender sowie – auf internationaler Ebene – die Europäische Kommission (u.a. Grundtvig ) und die World Forum Foundation.

Entstehung

MOCEP startete bereits 1982 als Teil des auf vier Jahre angelegten, von der Boğaziçi University Istanbul durchgeführten Projekts Turkish Early Enrichment Programme. 1992 wurde MOCEP überarbeitet, 1993 die Trägerinstitution AÇEV gegründet. Seit 2010 ist MOCEP als Nationales Elternbildungsprogramm Teil des Angebots von MoNE (Non-Formal Education General Directorate). AÇEV ist weiterhin zuständig für die Umsetzung von MOCEP sowie für die Begleitforschung. Jährlich werden rund 25.000 Mütter mit ihren Kindern für eine Teilnahme am Programm angesprochen. Bis Ende November 2010 wurden in 78 Provinzen insgesamt rund 6.660 Kurse durchgeführt und 292.100 Mütter und Kinder erreicht. 80 % der Familien, die an MOCEP teilnehmen, schließen das Programm ab (Carpentieri et al. 2011b, S. 115).

Umsetzung

MOCEP ist ein auf das häusliche Umfeld der Familien gerichtetes Programm. Die Mütter nehmen über einen Zeitraum von 25 Wochen an wöchentlichen Treffen in lokalen Erwachsenenbildungseinrichtungen teil, die jeweils drei Stunden dauern (Kursdauer insgesamt 72 Stunden). Eine Gruppe besteht zwischen 20 bis 25 Personen. Bei diesen Treffen erhalten die Mütter in den ersten zwei Stunden Informationen über die für die folgende Woche geplanten Themen und Aufgaben, die sie mit ihren Kindern machen sollen. Ein wichtiges Thema ist, wie sich die Mütter damit auseinandersetzen können, was ihre Kinder in der Schule machen und lernen, um die Schulfähigkeit und den Schulerfolg der Kinder zu unterstützen. Im letzten Teil der Treffen spielen die teilnehmenden Mütter in Rollenspielen die Übungen, die sie mit ihren Kindern zu Hause machen sollen, durch.

Während des Kurses besucht die Trainerin / der Trainer jede Familie zwei- bis dreimal, um den Müttern gezielte Unterstützung zu geben. Von jeder Gruppe übernehmen jeweils bis zu fünf Frauen die Rolle von Helferinnen, die Moderationsfunktionen und dergleichen übernehmen.

Die Aufgaben, die die Mütter mit den Kindern zu Hause machen, nehmen täglich rund eine halbe Stunde in Anspruch. Es handelt sich dabei um eine Vielzahl von gemeinsamen Aktivitäten, bei denen es um Lernen im weiteren Sinn geht und die Interaktion zwischen Eltern und Kindern gefördert wird (z.B. unterschiedliche Relationen und Klassifikationen kennenlernen; Übungen zur phonologischen Bewusstheit, Geschichten erzählen, Vorlesen usw.).

Die Lehrgrundlage für die TrainerInnen ist ein Handbuch, in dem neben Hintergrundinformationen die Aktivitäten für jedes Gruppentreffen beschrieben werden. Auch Kopiervorlagen und kurze Fallbeispiele finden sich in diesem Buch. Die Mütter erhalten jede Woche Arbeitsmaterialien für die Aufgaben, die zu Hause gemacht werden. Während des Programms verwenden sie insgesamt acht Kinderbücher.

Die TrainerInnen von MOCEP sind ausgebildete ErwachsenenbildnerInnen, die eine zweiwöchige Ausbildung bei AÇEV absolviert haben.

Die Familien werden durch persönliche Kontakte von anderen Müttern, durch Aushänge in Schulen und LehrerInnen sowie durch MitarbeiterInnen von Erwachsenenbildungseinrichtungen angesprochen, wenn sie dort bereits Kurse besuchen oder Beratung in Anspruch nehmen. Mittlerweile haben die meisten Bildungszentren bereits Wartelisten von Familien, die bei MOCEP teilnehmen möchten.

Evaluation

MOCEP wurde von Anfang an durch wissenschaftliche Begleitforschung evaluiert. In der 2011 publizierten Metaanalyse von europäischen Family-Literacy-Projekten wird MOCEP als „low cost alternative to centre based early education programmes“ (Carpentieri et al. 2011b, S. 121) beschrieben. Langzeitstudien konnten nachhaltige kognitive wie außer-kognitive Entwicklungsfortschritte sowie Verbesserungen der literalen Fähigkeiten und einen besseren Schulerfolg von Kindern im Vergleich zu Kindern, die nicht an MOCEP teilgenommen hatten, zeigen (Bekman 2003; Kağıtçıbaşı et al. 2001, 2005). Das Interesse der Mütter an schulbezogenen Fragen ist gestiegen, und „MOCEP-Mütter“ nehmen selbst häufiger im Anschluss an MOCEP Bildungsangebote in Anspruch. Durch die kontinuierliche Begleitforschung kann das Programm laufend an soziale Veränderungsprozesse angepasst werden. Kağıtçıbaşı et al. (2005) stellten fest, dass Kinder, die an MOCEP teilgenommen hatten, höhere Erwerbsarbeitsraten hatten. Eine wichtige Schlussfolgerung von verschiedenen Studien in Bezug auf den Erfolg von MOCEP lautet,dass Family-Literacy-Programme besonders wirkungsvoll sind, wenn sich die Trainingsmaßnahmen für Eltern nicht ausschließlich auf Unterstützungsmaßnahmen für das Lernen ihrer Kinder beschränken, sondern auch Fähigkeiten für die sozial-emotionale Unterstützung der Kinder vermittelt werden (vgl. Carpentieri et al. 2011a, S. 11, unter Bezugnahme auf Desforges/Abouchaar 2003; Kağıtçıbaşı et al. 1992, 2001, 2005; Heckman et al. 2009). Carpentieri et al. (2011a, S. 11) schreiben bezüglich der Implementation von Family-Literacy-Programmen in der EU: ”It is our own assessment, based on analysis of the evidence, that such programmes should be widely available in Member States, and targeted at disadvantaged households.”



[1]Die Schulpflicht wurde in der Türkei 1997 in einer Schulreform von fünf auch acht Jahre verlängert.