f![]() | Sieben Gedanken zu Family Literacy in Österreich1.Der Booktrust, die englische Partnerorganisation des Österreichischen Buchklubs der Jugend, führte im vergangenen Jahr eine Berechnung durch, dass der Social Return on Investment für seine Family-Literacy-Projekte 1:25 englische Pfund beträgt. Für jedes eingesetzte Pfund spart die englische Regierung demnach 25 Pfund an Folgekosten, die für Kompensations- und Reparaturmaßnahmen infolge von Schulversagen und mangelnden beruflichen Kompetenzen junger Menschen ausgegeben werden müssen. Die Effizienz von Leseförderung im familiären Umfeld lässt sich also in harter Währung und in wirtschaftlichen Kennzahlen ausdrücken. Leseförderung bringt dem Staat bzw. der Öffentlichkeit das eingesetzte Geld mehrfach zurück. In Zeiten wie diesen, in denen marktwirtschaftlicher Erfolg gern absolut gesetzt wird und sich auch gesellschafts- und bildungspolitische Maßnahmen dem wirtschaftlichen Diktat unterwerfen müssen, ist das eine beachtliche Erfolgsmeldung, die daher auch am Beginn dieses Vorwortes Platz hat. Bis heute tut man sich nämlich in Österreich schwer, für Leseförderung finanzielle Unterstützung vonseiten der öffentlichen Hand oder privater Investoren zu finden. Die Initiative Family Literacy des BMUKK und des Buchklubs soll Auftakt dafür sein, Family Literacy auch in Österreich systemisch und nicht nur in Form von Einzelinitiativen zu positionieren. 2. PISA hat im Dezember 2010 erneut die mangelnde Lesekompetenz der österreichischen Jugendlichen bestätigt und auf das systemische Problem hingewiesen, dass in Österreich Lesekompetenz und damit die Bildungschancen der Kinder eng mit dem sozioökonomischen Status der Familien zusammenhängen. Der österreichische Expertenbericht PIRLS. Lesekompetenz am Ende der Volksschule (PIRLS 2006. Die Lesekompetenz am Ende der Volksschule Österreichischer Expertenbericht; Birgit Suchan, Christina Wallner-Paschon & Claudia Schreiner (Hrsg.) Graz: Leykam 2009) sagt: Die Familie ist die erste Bildungswelt und wichtigste Sozialisationsinstanz des Kindes. Bereits ab dem Zeitpunkt der Geburt werden verschiedene Basiskompetenzen für die spätere Schullaufbahn Grund gelegt und aufgebaut. Die Familie ist Ort des Lernens und des Sammelns von Erfahrungen, allerdings in individuellem Ausmaß und unterschiedlicher Intensität. Diese Studie untersucht die Einflussfaktoren auf Leseförderung in Familien und stellt folgende Faktoren fest:
Laut der eingangs zitierten Studie der Stiftung Lesen funktionieren die Voraussetzungen für Leseförderung nur in 30 % der Familien. Wie kann man also den Defiziten in einem so wichtigen Bereich entgegenwirken, vor allem die sozioökonomischen Faktoren kompensieren und damit einen Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit gehen? Die PIRLS-Studie zeigt sich skeptisch bezüglich der österreichischen Schule: Die weniger Erfolg versprechende Alternative besteht darin, Defizite bzw. Ungleichheiten im sprachlichen Bereich durch schulische Maßnahmen auszugleichen. Dass dies in Österreich zurzeit nicht ausreichend gelingt, zeigen die Daten deutlich. Eine positive Möglichkeit des Ausgleichs von Defiziten sieht die Studie in der frühen sprachlichen Förderung im Kindergarten. Ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung geschieht derzeit in Österreich mit der Sprachstandsfeststellung vor Schuleintritt. Ziel dieser Sprachbeobachtung ist es, KindergartenpädagogInnen einen Ausgangspunkt für ihre sprachliche Förderung zu geben, um sprachliche Unterschiede, die durch familiäre Rahmenbedingungen verursacht sind, auszugleichen. Eine andere Möglichkeit, die direkt an der Quelle des Geschehens ansetzt, sind Family-Literacy-Programme, die durch Aufklärungsarbeit in der Familie den Schritt in Richtung Bildungsgerechtigkeit versuchen. Diese Programme sollten möglichst früh einsetzen und die Förderung breit angelegt sein. Solche Family-Literacy-Programme beginnen sich weltweit auf breiter Ebene durchzusetzen. Und zunehmend nehmen auch Regierungen und Wirtschaftspartner dafür Geld in die Hand. Die europäische Dachorganisation EU Read tauscht regelmäßig Erfahrungen mit Family-Literacy-Programmen aus. 5. In Österreich ist Family Literacy noch relativ neu sowohl der Begriff als auch konkrete Maßnahmen, wie unsere Recherchen für die Bestandsaufnahme zeigten. Als Forschungsrichtung ist Family Literacy in Österreich praktisch noch gar nicht existent, sieht man vom neu geschaffenen Lehrstuhl für Frühkindpädagogik der Universität Graz ab. Es scheint daher notwendig, zunächst einmal einige Missverständnisse auszuräumen. Missverständnis Nr. 1: Family Literacy unterstützt vor allem Familien, in denen gelesen wird. Ganz im Gegenteil. Family Literacy hat nichts mit Familien-Idyllen mit Buch zu tun. Family-Literacy-Projekte sind in weiten Bereichen eine konkrete Umsetzung der Forschungsperspektive, Lesen und Schreiben als soziale Praxis zu verstehen. Die Förderung von Kindern aus bildungs- und schriftfernen Schichten ist ein zentraler Ausgangspunkt dieser Maßnahmen. Den theoretischen Hintergrund dazu liefert unter anderem der Ansatz der New Literacy Studies, der auf der Basis von Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichten richtungsweisenden Studien entwickelt wurde. Diese Untersuchungen analysierten unter anderem das Lesen und Schreiben in Familien und wie Eltern ihre Kinder an Literalität heranführen. Family-Literacy-Projekte bemühen sich besonders darum, Kinder aus schrift- und bildungsfernen Schichten, oft mit Migrationshintergrund, zu erreichen. Das Design von Family-Literacy-Projekten muss auf Nachhaltigkeit abzielen und weit über die in Österreich beliebten Schulleseprojekte Stichwort Lesenacht hinausgehen. Explizite Stützung leseschwacher Kinder, Interventionen in sozial schwächeren Familien und exakte Evaluierung müssen Bestandteil des Projektdesigns sein. Missverständnis Nr. 2: Leseförderung ist ausschließlich Sache der Schule. Alle neurophysiologischen und kinderpsychologischen Untersuchungen zeigen weltweit übereinstimmend, dass die Basis und die Voraussetzungen für das Lesenlernen bereits im frühen Alter der Kinder gelegt werden. Fehlt im frühen Kindesalter die Förderung der Erstsprache und der sogenannten Vorläuferfertigkeiten für das Lesen, kommen Kinder bereits mit schweren Defiziten in die Schule. Vorlesen und frühe Sprachförderung sind Schlüssel zum späteren Lese- und Bildungserwerb von Kindern. Family-Literacy-Programme setzen daher lange vor Schulbeginn ein. Simplifiziert könnte man sagen, dass Family-Literacy-Programme vor allem der Prävention dienen, während schulische Förderprogramme für Leseschwache in der Regel kompensatorische bzw. therapeutische Funktion haben. Wie in allen anderen Bereichen des Lebens sind Präventionsmaßnahmen schonender, für alle Beteiligten positiver und gesamtwirtschaftlich billiger. Richtig ist hingegen, dass die Bildungsinstitutionen Kindergarten und Schule wichtige Kommunikationsorte oft die einzigen sind, um Eltern und Erziehungsberechtigte zu erreichen und einzubinden. Family Literacy endet dezidiert auch nicht mit dem Schuleintritt des Kindes. Gerade in der anstrengenden Phase des Lesenlernens benötigen Kinder begleitende Unterstützung, speziell wenn sie Leseprobleme haben. Missverständnis Nr. 3: Leseförderung beschränkt sich auf Bücher. Familiäre Literalität spielt sich auf vielen Ebenen und mit unterschiedlichen Medien ab: Dazu zählen das Beschriften von Dingen, das Lesen und Ausfüllen von Formularen, das Lesen von Produktbeschriftungen und Gebrauchsanweisungen, das Lesen und Beantworten von SMS, E-Mails, Karten und Briefen ebenso wie das Lesen von Zeitungen und Zeitschriften, von Texten im World Wide Web. Kinder erleben Family Literacy zunächst vor allem vermittelt über ihre Bezugspersonen (Eltern, Erziehungsberechtigte, Geschwister) als Role Models für den Umgang mit Schriftlichkeit. Interventionsprogramme für Family Literacy müssen also diese alltagsweltlichen Lese- und Schreibhandlungen miteinbeziehen. Erst im zweiten Schritt umfasst Family Literacy neben diesen alltäglichen Formen des Lesens und Schreibens auch gemeinsames Anschauen oder Lesen von Bilderbüchern oder anderen Lesestoffen, das von den Erwachsenen oder den Kindern initiiert wurde, und Formen des gemeinsamen Schreibens. Neben der Förderung des Vorlesens und der Hinführung zu Bilderbüchern müssen Family-Literacy-Programme also einen multivalenten und multimedialen Ansatz verfolgen und sowohl Eltern als auch Kinder dort abholen und erreichen, wo sie schriftlich unterwegs sind: von den digitalen Medien über Versandhauskataloge und Prospekte bis hin zu Comics und Mangas. Missverständnis Nr. 4: Lesedefizite betreffen vor allem Familien mit migrantischem Hintergrund. Sowohl PISA als auch PIRLS zeigen eindeutig, dass mangelnde familiäre Literacy soziale und nicht ethnische Hintergründe hat. Beide Studien würden für Österreich nicht wesentlich besser ausfallen, würde man alle Kinder mit migrantischem Hintergrund herausrechnen. Sehr wohl wird die Bildungszukunft der Kinder von der Förderung der Erstsprache entscheidend geprägt. Entwickeln Kinder in ihrer Erstsprache ausreichende grammatikalische und semantische Strukturen, fallen Spracherwerb und Lesenlernen sowohl in der Erstsprache als auch in allen anderen Sprachen leichter. Das gilt aber uneingeschränkt ebenso für Kinder mit deutscher Erstsprache. Und das erklärt das Phänomen, dass Migrantenkinder der dritten Generation bei Lesetests oft schlechter abschneiden als Kinder der ersten und zweiten Generation: In der dritten Einwanderer-Generation treffen die verblassenden Kenntnisse der ursprünglichen Erstsprache aus der Heimat auf die noch immer vorhandenen Defizite in der Zweitsprache Deutsch. Mit dem bitteren Resultat, dass diese Kinder keine echte Erstsprache beherrschen. 6. Es gibt in Österreich viele Leseförderaktivitäten, die aber oft punktuell und nicht vernetzt sind und daher auch nicht nachhaltig und systemisch wirken können. Viele Leseförderprojekte und auch Kampagnen haben überdies ungeachtet ihres hohen Engagements das Problem, dass sie zwar die bereits lesemotivierten Kinder bestätigen, Kinder mit Leseproblemen aber nicht berücksichtigen und fördern, und als punktuelle Aktion kaum nachhaltige Wirkung haben. Vor allem wurde es aber bisher verabsäumt, Partner aus der Wirtschaft und den Medien einzubinden, die an lesekompetenten jungen Menschen Interesse haben müssten. Family Literacy reicht als gesellschaftliches Phänomen und Anliegen weit über die Schule hinaus. Allerdings wurde bisher fast ausschließlich die Schule für Lesekompetenz der jungen Menschen verantwortlich gemacht. Im Rahmen der Initiative Family Literacy des BMUKK und des Buchklubs sollen nationale und internationale Projekte zur Förderung von Family Literacy diskutiert und mögliche außerschulische Partner aus den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen in den Dialog einbezogen werden, die an Family Literacy Interesse haben (sollten) und einen Beitrag zu ihrer Förderung leisten können. Am Ende könnte so etwas wie ein Masterplan für Family Literacy in Österreich stehen. Ein solcher nationaler Plan könnte und sollte
Der Buchklub hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Family Literacy beschäftigt und bietet sich mit seinem österreichweiten, ehrenamtlichen Netzwerk und guten Kontakten zu Familien als Partner für eine Initiative zur Family Literacy an. Als Mitglied der europäischen Organisation EU Read hat der Buchklub direkten Kontakt zu anderen Ländern und ihren Family-Literacy-Projekten.
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